Praxisnah und direkt umsetzbar
Tipps fuer den Alltag mit blinden Hunden
Mit wenigen Anpassungen wird euer Alltag ruhiger, sicherer und wieder leichter.
Sicherheit in Wohnung und Haus
Die eigenen vier Wände sollten der sicherste Ort für deinen blinden Hund sein. Mit ein paar einfachen Anpassungen hilfst du ihm, sich schnell wieder zurechtzufinden:
- Konstanz ist der Schlüssel: Stelle Möbel nicht unnötig um. Der Hund speichert eine innere Landkarte der Wohnung ab.
- Gefahrenquellen entschärfen: Sichere Treppenabgänge zunächst mit einem Kindergitter. Polstere scharfe Kanten auf Augenhöhe (z.B. Glastische) in der ersten Zeit ab.
- Taktile Wegweiser: Nutze verschiedene Bodenbeläge. Ein rauer Teppich vor der Treppe oder vor dem Wassernapf gibt dem Hund ein sicheres "Stopp"- oder "Hier-ist-es"-Signal über die Pfoten.
- Duftmarken setzen: Du kannst Ecken oder Türrahmen mit einem Hauch Duftöl (z.B. Lavendel) markieren, um die räumliche Orientierung zu unterstützen.
Unterwegs und beim Spaziergang
Draußen prasseln viele Reize auf den Hund ein. Deine Führung ist hier besonders wichtig:
- Brustgeschirr statt Halsband: Ein gut sitzendes Geschirr schont den Hals, falls der Hund abrupt stehen bleibt oder sich erschrickt. Zudem kannst du ihn über das Geschirr körperlich besser lenken.
- Die kurze, sichere Leine: Eine Flexileine ist anfangs ungeeignet. Eine feste Leine (ca. 1,5 bis 2 Meter) gibt dem Hund Sicherheit und dir die Möglichkeit, sofort zu reagieren.
- Feste Routen: Gehe in der ersten Zeit immer dieselben, ruhigen Wege. Die bekannten Gerüche und Untergründe geben dem Hund Selbstvertrauen zurück.
Kommunikation und Signale
Da die Körpersprache als Kommunikationsmittel wegfällt, wird deine Stimme zum wichtigsten Navigationsinstrument:
- "Achtung" oder "Stopp": Ein klares Signal, wenn der Hund droht, gegen ein Hindernis zu laufen.
- "Stufe hoch" / "Stufe runter": Kündige Bordsteine oder Treppenstufen immer mit demselben Wort an. Der Hund lernt extrem schnell, seine Pfoten entsprechend zu heben.
- Sprich mit deinem Hund: Wenn du den Raum betrittst oder verlässt, sprich ihn leise an. So erschrickt er nicht, wenn du ihn plötzlich berührst.
Beschäftigung und Auslastung
Ein blinder Hund möchte genauso gefordert werden wie ein sehender. Da die Nase nun das wichtigste Sinnesorgan ist, bieten sich Nasenspiele an:
- Schnüffelteppiche: Verstecke Leckerlis in einem Schnüffelteppich. Das lastet den Hund mental enorm aus.
- Suchspiele: Verstecke sein Lieblingsspielzeug in der Wohnung und lass ihn danach suchen.
- Kauen beruhigt: Kauartikel helfen beim Stressabbau, besonders nach aufregenden Spaziergängen in fremder Umgebung.
Meine persönlichen Erfahrungen mit Lea
Die folgenden Tipps stammen aus dem echten Alltag mit meiner blinden Hündin Lea und unserer sehenden Hündin Lilly. Sie haben sich bei uns über die Jahre bewährt.
Düfte als Orientierungshilfe
Der Geruchs- und Hörsinn eines blinden Hundes ist stärker ausgeprägt. So kann man markante Stellen wie den Schlafplatz und den Fressnapf mit Düften versehen. Ätherische Öle in dezenter Form eignen sich ganz gut dafür. Aber bitte keinen Zitronenduft – im Allgemeinen mögen Hunde diesen Geruch nicht besonders. (Mit Ausnahme von Lea, die mir regelmäßig meine Zitrusbäume leer frisst.)
Mit Glöckchen Geräusche schaffen
Eine andere Hilfe ist es, sich anfangs selbst ein Fußkettchen mit Glöckchen anzuziehen. So hört der Hund schnell, wo wir uns gerade befinden und ob wir uns auf ihn zubewegen.
Hat man noch andere Haustiere, kann man auch ihnen ein Glöckchen ans Halsband machen, sodass sich der blinde Hund daran orientieren kann. Bei uns reicht das Klappern der Marken am Halsband und Lea weiß genau, wo Lilly gerade langläuft. Das ist vor allem im Freien sehr hilfreich. In der Wohnung hat Lilly bereits gelernt, wie sie langsam und lautlos an Lea vorbeischleichen kann, wenn sie gerade keine Lust auf sie hat.
Wichtig ist anfangs, dass der blinde Hund lernt, sich auf Geräusche zu konzentrieren. Wenn ich eine Kurve lief, habe ich mit der Hand kurze Klopfgeräusche an meinem Bein gemacht. Immer wenn ich die Richtung wechselte oder Lea unsicher wurde, klopfte ich. Außerdem half es ihr beim Treppensteigen, wenn ich mit den Schuhen fest auftrat und sie sich an den Geräuschen orientieren konnte, wo genau die Stufe ist.
Rücksicht von anderen Menschen einfordern
Nicht jedem blinden Hund sieht man äußerlich an, dass er nichts sehen kann. Daher sollte man bei jedem Spaziergang darauf achten, dass niemand den Hund umrennt oder mit dem Fahrrad zu dicht an ihn heranfährt. Normalerweise gehen Menschen davon aus, dass ein Hund ihnen ausweicht – was er auch täte, wenn er sehen könnte.
Wenn dir jemand entgegenkommt, führe den Hund dicht bei dir und rufe der Person gegebenenfalls zu: „Bitte Abstand halten!" Verwundert wird sie einen Bogen um euch ziehen. Du kannst der Person aber auch die Chance geben, deinen Hund als blind zu erkennen: Es gibt Halstücher für Hunde mit dem Blindensymbol.
Und auch sonst sollte man stets die Augen offenhalten: ob Stacheldrahtzäune, Glasscherben oder einfach eine nasse Pfütze – ein rechtzeitiger Ruf „Achtung" oder „Vorsicht" ist sehr wichtig. Der Hund muss Vertrauen zu dir haben, dass du ihn immer und rechtzeitig warnst.
Glatte Treppen sichern
Unliebsam sind glatte Treppen. Diese lassen sich leicht mit klebbaren Teppichstufen auslegen – das hat bei uns Wunder bewirkt. Ohne sie hat sich Lea weder die Stufen hoch noch runter getraut; mit dem Teppich rennt und springt sie nun wie ein sehender Hund. Achte dann aber darauf, dass der Hund vor dir die Stufen herunterrennt, sonst kann er dich vor lauter Eifer umrennen. Rufe ihn also, bevor du die Treppe betrittst, oder erst, wenn du bereits unten angelangt bist – oder halte dich gut am Geländer fest.
Die wichtigsten Rufbefehle
Diese drei Kommandos haben sich bei uns als besonders wertvoll erwiesen:
- „Vorsicht": Lea bleibt schlagartig stehen. Das ist wichtig bei gefährlichen Hindernissen. Beigebracht wird es so: Jedes Mal, wenn der Hund kurz davor ist, gegen einen Gegenstand zu laufen, ruft man laut „Vorsicht". So verknüpft er schnell das Wort mit dem darauffolgenden Anstoßen. Wichtig: Das Wort muss unmittelbar vor dem Anstoßen kommen, nicht Sekunden vorher.
- „Achtung": Lea wird ganz langsam, senkt den Kopf und achtet auf den Untergrund. Das bringt man bei, indem man das Wort mit ruhiger Stimme spricht, kurz bevor der Hund eine Pfütze, steinigen Boden oder herumliegende Äste überquert. Hier besteht keine Gefahr – also nicht zu laut und nicht zu schnell sprechen, damit der Hund nicht erschrickt.
- „Treppe": Der Hund hebt die Pfoten höher und tastet sich an die Stufen heran. Das sieht elegant aus, fast wie ein Pferdeschritt. Lea nimmt Stufen von allein wahr, ihr reicht ein „Achtung" – ansonsten lässt sich dieser Ruf wie die anderen erlernen.
Sicheres Spielzeug – worauf ich achte
Beim Spielzeug ist der Handel natürlich voll. Aus Erfahrung rate ich zu Vorsicht:
- Bälle mit Glöckchen: Vorsicht bei Bällen mit Öffnung, damit der Ton besser hörbar ist. Bei uns flog das Glöckchen durch die Öffnung plötzlich meterweit durch die Wohnung – ich war nur froh, dass es nicht in Leas Luftröhre gelandet ist. Außerdem kann der Hund den Ball kaputtbeißen und die Glocke verschlucken.
- Gut ortbare Bälle: Leas Lieblingsball ist elliptisch geformt; er springt auf dem Holzboden hin und her und ist so für sie gut zu orten.
- Lange Stricke: Beim Schütteln knallt der Knoten an den Körper des Hundes, und der blinde Hund weiß nicht, dass es der Strick war. Ist der Strick sehr kurz, sind dafür deine Finger nah an den Zähnen. Tipp: Den (oft steinharten) Knoten lösen und neu, lockerer knoten.
- Feste Hartgummibälle unbedingt meiden: Sie dotzen hoch und schlagen schmerzhaft gegen die Schnauze.
- Holz-Suchspielzeug: Hier muss der Hund Wege finden, um an ein Leckerli zu kommen – eine schöne Herausforderung.
- Futterbeutel: Er riecht nach Leckerli und ist leicht zu finden. Hat der Hund ihn apportiert, gibt es eine Belohnung. Auch ein einfacher Stock tut es übrigens.
Bei allen Spielen mit Geruch gilt: Ein Hund kann nicht gleichzeitig riechen und atmen. Daher bei langen Geruchsspielen immer mal Pausen einlegen, so wie es auch bei Suchhunden gemacht wird – vor allem im Sommer.